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Leseprobe – 1 Einleitung

Die Debatten um Thilo Sarrazins „Thesen“ im Anschluss an dessen Buch[1] über muslimische Migranten werden als eines der größten deutschen Medienereignisse des Jahres 2010 in die Geschichte eingehen und sind bisher noch nicht abgeklungen. Die heftig geführte Mediendebatte über muslimische Migranten mündete in zum Teil rechtspopulistischen Aussagen prominenter Politiker, die inhaltlich die Grenze zu fremdenfeindlicher Hetze erreichten. Als direkte Folge der Sarrazin-Debatte sind beispielsweise die Äußerungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zur „christlich-jüdischen Tradition“[2] und die Bemerkung des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer zu werten, der formulierte, Deutschland benötige keine „Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen“[3].

Ich habe diese Debatten anfangs teils mit Staunen, teils mit Verstörung verfolgt. Das Bild, das Sarrazin in seinem Buch von der Religion des Islam und Muslimen zeichnet, widersprach in fast allen Bereichen meinen persönlichen Erfahrungen mit Menschen muslimischer Glaubenszugehörigkeit in Deutschland und in mehrheitlich von muslimischen Traditionen geprägten Ländern. Bei der Lektüre seines Buches stellte ich fest, dass auch viele der von Sarrazin angeführten Argumente zu islamischer Theologie und Religionsgeschichte den Erkenntnissen akademischer Islamwissenschaft widersprechen.

Die mediale Debatte zur Seriosität der sarrazinschen „Thesen“ kreiste bisher meines Erachtens zu sehr um die Erblichkeitsthesen von Intelligenz und die sozialdarwinistischen Theorien des späten 19. Jahrhunderts, die Sarrazin in seinem Buch verarbeitet. Dieser Fokus ist aufgrund der schrecklichen Folgen eugenischer Bevölkerungspolitik und mit der Kenntnis der historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verständlich und berechtigt. Andererseits wurden leider durch diese Fokussierung viele der Aussagen, die Sarrazin speziell zu „muslimischen Migranten“ tätigte nicht oder nur unzureichend hinterfragt und geistern somit weiterhin in Form von Vorurteilen und Feindbildern in vielen Köpfen herum.

Sarrazins Buch ist erst seit Ende August 2010 auf dem Buchmarkt, bisher sind wissenschaftliche Analysen des Textes daher noch dünn gesät. Besonders hervorzuheben sind jedoch die empirische Gegenstudie zu „Deutschland schafft sich ab“, herausgegeben von Naika Foroutan (sie leitet das Heymat-Projekt der Humboldt-Universität zu Berlin) und die inhaltliche Analyse der Vorabdrucke Sarrazins in dem umfangreichen Werk „Islamfeindlichkeit in Deutschland“ des Soziologen Achim Bühl.[4]

Das vorliegende Buch baut unter anderem auf den beiden genannten Studien auf. Es soll einen Beitrag leisten, Sarrazins Text nach wissenschaftlichen Kriterien einordnen und beurteilen zu können. Ich verwende drei Analyseebenen mit dem Ziel eine möglichst objektive und vergleichbare Basis zu schaffen, die zur religionswissenschaftlichen Weiterarbeit mit dem Sarrazintext Anknüpfungspunkte bietet.

Am Beginn soll zunächst eine Kurzbiographie Thilo Sarrazins sowie eine knappe Zusammenfassung seines Buchs „Deutschland schafft sich ab“ stehen. Die anschließende Klärung der Bedeutung des im Titel dieser Arbeit benutzten Begriffs „Islamkritik“ und die Festlegung von Grenzen des dahinter stehenden Konzeptes leitet über zur Beschreibung der von mir benutzten Methoden im Analyseteil. Ich verwende drei methodische Ansätze: Der Sarrazintext wird nach formal-wissenschaftlichen Kriterien sowie inhaltlichen Aspekten und schließlich strukturell untersucht. Die Analysen werden zeigen, dass es sich bei Sarrazins „Islamkritik“ nicht um eine konstruktive Kritik an der Religion Islam im Sinne der Aufklärung handelt. Im letzten Teil der Arbeit soll gezeigt werden, dass Sarrazins „Islamkritik“ eine Variante Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit,[5] nämlich muslimenfeindlichen Rassismus, darstellt.


[1] Sarrazin, Thilo. 2010. Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. München: DVA.

[2] Soboczynski, Adam. 2010. Unser Kulturkampf. Die Zeit. 14. Oktober. Nr. 42.

[3] Schirrmacher, Frank. 2010a. Seehofers Stimmungspolitik. Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10. November.

[4] Die bibliographischen Angaben sind dem Literaturverzeichnis zu entnehmen.

[5] Zu dem Begriff der „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ siehe:

Heitmeyer, Wilhelm. 2008. Die Ideologie der Ungleichwertigkeit: Der Kern der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. In: Deutsche Zustände: Folge 6. Herausgegeben von Wilhelm Heitmeyer. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. S. 36-44.